Süddeutsche - Studenten helfen Migranten

Zuletzt aktualisiert: 10 September 2011

In der Ausgabe vom 30. März 2009 berichtet die Süddeutschen Zeitung über Service Learning an der Universität Würzburg.

Studenten helfen Migranten

Wie Schüler und Nachwuchslehrer von Förderstunden profitieren - Von Isa Hoffinger

 Wer gern Kreuzworträtsel löst, weiß, dass einem bestimmte Wörter Kopfzerbrechen bereiten können. Tauscht man ihre Anfangsbuchstaben aus, verändern sie ihren Sinn, etwa ,,Maus‘‘ und ,,Haus‘‘. Die Schüler von Claudia Seubert verstehen das nicht. Einmal in der Woche unterrichtet die 22-jährige Pädagogikstudentin Erstklässler mit Migrationshintergrund. An der Uni hat sie gelernt, dass solchen Kindern die ,,phonetische Bewusstheit‘‘ fehlt. Was das bedeutet, erfährt sie nun in der Praxis. Claudia Seubert absolviert kein Praktikum, sondern ein sogenanntes Service- Learning-Seminar. Im Hörsaal lernen die Studenten die Theorie, anschließend setzen sie ihr Wissen um, und zwar als ehrenamtliche Helfer.

Gründung des Hochschulnetzwerks

Die Idee stammt aus den USA. Dort gehört Service Learning schon lange zum Lehrangebot. Jurastudenten beraten bei Rechtsstreitigkeiten, angehende Informatiker entwickeln Software für Non-Profit-Organisationen. In Deutschland ist die Idee bisher kaum verbreitet, obwohl oft beklagt wird, das Studium sei zu theoretisch. Die Universitäten Duisburg-Essen, Erfurt, Mannheim, Würzburg und Saarbrücken haben nun das Netzwerk ,,Bildung durch Verantwortung‘‘ gegründet, um Service Learning auch hierzulande zu etablieren. Einer der Initiatoren ist Heinz Reinders. Der Professor für empirische Bildungsforschung bietet in Würzburg bereits Veranstaltungen an, in denen Studenten wie Claudia Seubert auch für den praktischen Teil einen Schein erhalten. ,,Wir haben es mit einer echten Win-Win-Situation zu tun‘‘, schwärmt Reinders: ,,Einerseits profitieren die Einrichtungen von den Studenten, andererseits lernen die Studenten mehr als in rein theoretischen Seminaren‘‘.

Schüler sind Gewinner


Zu den Gewinnern solcher Projekte können auch die Schüler zählen. Zumindest weist darauf eine Studie der Uni Bamberg hin, die vorige Woche in Berlin vorgestellt wurde. Die Forscher beobachteten an bundesweit 35 Standorten Förderunterricht, den Lehramtsstudenten Migranten erteilen – ein außerschulisches Projekt der Mercator-Stiftung. Der Studie zufolge verbesserten sich die Leistungen der Förderschüler seit 2006 in Deutsch, Mathematik und Englisch deutlich. Fast die Hälfte der Migranten steigerten sich in mindestens einem der Fächer um eine Note. Wenn Studenten mit ausländischen Wurzeln Migranten unterrichteten, waren die Erfolge im Fach Deutsch besonders groß: Diese Schüler konnten sich zu 40 Prozent verbessern. Hatten die Lehrer keinen Migrationshintergrund, waren es nur 25 Prozent.

Und die Studierenden auch

Eine Befragung von Reinders deutet darauf hin, dass auch die Studenten bei Praxiseinsätzen viel lernen können. Er befragte 116 Studenten zu ihrem Wissensstand. 31 von ihnen nahmen an Service Learning teil, die anderen 85 besuchten gewöhnliche Kurse. Am Ende des Semesters war nur etwa ein Drittel der Letztgenannten der Meinung, einen guten Überblick über das Fachgebiet zu haben. Beim Service Learning waren es dagegen fast drei Viertel. Auch Claudia Seubert findet das Angebot gut, weil die Dozenten die ehrenamtliche Tätigkeit danach aussuchen, ob sie zu den Seminaren passen. Endlich würden sich Praxis und Theorie wirklich ergänzen.