Nürnberger Nachrichten - Türken besser integriert als gedacht

Zuletzt aktualisiert: 15 September 2011

Junge Türken besser integriert als gedacht

Nürnberg - Was nur hat Recep Tayyip Erdogan gemeint, als er vor einem Assimilationsdruck auf die im Ausland lebenden Türken warnte? Die Kritik an der Kölner Rede des türkischen inisterpräsidenten reißt in jedem Fall nicht ab. Ebenso wenig wie die Diskussion darum, wie gut oder schlecht türkische igranten oder türkischstämmige Deutsche in unsere Gesellschaft integriert sind. Wobei besonders von Seiten der CSU suggeriert wird, dass sich die hier lebenden Türken in ihrer Gesamtheit bisher zu wenig angepasst hätten.

Folgt man den Erkenntnissen des Würzburger Erziehungswissenschaftlers Heinz Reinders entspricht diese Annahme jedoch nicht der Realität und muss zumindest in Bezug auf die Kinder und Kindeskinder der türkischen Einwanderer korrigiert werden. Innerhalb dieser zwei Jahre der Wille zur Integration verfestigt hat». So stimmten 2005 rund 44 Prozent der Befragten der Aussage zu, sich in erster Linie der deutschen Kultur annähern zu wollen. 2007 waren es 48,8 Prozent.

Deutsch wird verstärkt gesprochen

Auf die Frage, ob mit den Eltern sowohl türkisch als auch deutsch gesprochen werde, antworteten vor drei Jahren erst 55,7 Prozent mit Ja. 2007 waren es 62,4 Prozent. Gaben 2005 rund 57 Prozent an, neben türkischen auch deutsche Freunde haben zu woll en, waren es zwei Jahre später bereits 62,9 Prozent. Gleichzeitig sank im genannten Zeitraum die von den Befragten wahrgenommene Benachteiligung durch Deutsche im Alltag von 25,3 auf 21,1
Prozent. Eine deutliche Verschiebungen hin zu mehr Integrations-Willen hatte laut Reinders schon in der ersten Phase des Langzeitprojekts von 2002 bis 2005 stattge funden. Noch bis 2009 läuft der letzte Teil der Studie im Rhein-Neckar-Raum.

Die Befragung von 1100 Jugendlichen vor allem in Mannheim und Ludwigshaf en erhebt dabei nicht den Anspruch, repräsentativ für alle in Deutschland lebenden junge n Türken zu sein. Zudem wurde nur nach der Einstellung der Jugendlichen gefragt, nicht ihre tatsächliche Integration überprüft. Dennoch steht für Reinders fest, dass diese Gruppe inzwischen «ein Motor für die Integration der gesamten Migrantengruppe» ist. «Wir erleben hier einen Generationswechsel, bei dem die Jugendlichen zumindest teilweise ihre Vorstellungen vom Leben mit der deutschen Kultur in die Familien hineintragen».

Begehrte Integrationskurs

Dazu passen auch die neuesten Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg. Von Anfang 2005 bis Ende September 2007 seien bundesweit 450000 Berechtigungen für die Teilnahme an einem Integrationskurs vergeben worden. 330000 wurden bisher eingelöst, so eine Sprecherin. In Bayern liegt die Quote noch höh er: Von 50000 Plätzen bei 260 Kursträgern wurden 40000 vergeben. «Die Zahl der Teilnehmer ist damit groß», so die
Sprecherin. Stolz sei man vor allem auf den mit 65 Prozent hohen Frauenanteil in den Kursen.

«Gerade sie haben eine Multiplikatorenrolle innerhalb der Familie».

Dass sich der erkennbar positive Integrations-Trend bei den Jugendlichen in den nächsten Jahren wieder komplett umkehren könnte, glaubt Reinders nicht und warnt die Politik davor, «singuläre Ereignisse» wie die Rede Erdogans überzubewerten. «Ich habe seine Worte vor allem als eine Art vorgegriffenen Wahlkampf verstanden», so Reinders. Im Ausland lebende Türken sollen demnächst ihre Stimme auch per Brief oder auf elektronischem Wege abgeben können.

Die grundsätzliche Debatte über Integration sei wichtig, auch um die zweifellos bestehenden, großen Defizite beider Seiten erkennen und angehen zu können. Die Diskus sion muss laut Reinders aber sachlich geführt werden, was bisher nicht erkennbar sei. «Wenn Politiker jetzt wieder die Versachlichung der Diskussion fordern, ist das doch ein reiner Reflex». Nach wie vor würden viele zwar von Integration reden, aber damit eben nicht das Zusammenwachsen
zweier Kulturen meinen, die hinterher noch als solche erkennbar sind.

"Ethnische Nischen müssen bleiben"

Hinter den Warnungen vor «Parallelgesellschaften» oder einer «Klein-Türkei» (CSU-Chef Erwin Huber) verberge sich im Prinzip nur der Wunsch nach Homogenisierung der Gesellschaft, der Assimilation von Migranten. «Ethnische Nischen müssen bestehen bleiben», findet Reinders. Zumindest solange nicht «das gesamte gesellschaftliche Gefüge bedroht ist». Und von Verhältnissen wie etwa in den französischen Vorstädten sei man in Deutschland «himmelweit entfernt», so Reinders - der selber zehn Jahre im Berliner Problemviertel Neukölln gelebt hat.