Süddeutsche - "Das G8 zum Laufen bringen"

Zuletzt aktualisiert: 19 Januar 2015

(Süddeutsche, 14.03.2012) Zurück zum neunjährigen Gymnasium, wie es die SPD fordert? Oder ein Extrajahr auf dem Weg zum Abi, das Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) will? Der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders hält wenig von diesen Ideen. Er wünscht sich ein gut gemachtes G8 - auch wenn das noch mal nachsitzen bedeutet.

Die SPD will das neunjährige Gymnasium als Zusatzangebot zurück, die CSU feilt am G8+1? In Bayern setzt die große G9-Nostaligie ein – warum?

Wir haben jetzt erste Erfahrungen mit dem achtjährigen Gymnasium gemacht. Lehrer, Eltern aber auch Politiker können G8 und G9 miteinander vergleichen. Viele erleben das G8 als puren Stress. Das, was man früher in neun Jahren gemacht hat, soll man jetzt in acht durchpauken. Das erklärt die Sehnsucht.

War denn das G9 die bessere Schule?

Wenn man daran denkt, wie die Eltern und Schüler heute über den Stress klagen, dann auf jeden Fall. Dennoch sollte man jetzt nicht über eine Rückkehr zum G9 nachdenken, sondern lieber das G8 richtig auf die Füße stellen.

Was ist zu tun?

Wir müssen die Lehrpläne  überarbeiten und so anpassen, dass ein vernünftiges Unterrichten möglich ist. Es wäre sicher gut, die Erfahrungen der Lehrer und Eltern einzubeziehen. Sie wissen am Besten, wo sich zu viel Stoff angehäuft hat.

Also wird es noch lange dauern, bis das Gymnasium endlich zur Ruhe kommt?

Jetzt wieder über G8+1 nachzudenken oder über die Rückkehr zum G9 als Alternative bringt auf jeden Fall keine Ruhe ins System. Wir brauchen das ernst gemeinte Signal: Das Modell wird noch einmal systematisch auf alle Schwächen untersucht.

Brauchen wir tatsächlich noch TurboGymnasiasten? Mit der Abschaffung der Wehrpflicht werden die Berufseinsteiger doch sowieso immer jünger?

Das G8 ist nur dann ein Turbo-Gymnasium, wenn die Fülle an Lernstoff nicht der neuen Lernzeit angepasst wird. Dann ist das G8 natürlich  ein schlechtes Modell, denn Bildung braucht Zeit. Das G8 ist derzeit eine Schulform, die im Moment noch stark mit der großen Lernplanfülle zu kämpfen hat. Ich würde nicht an der Zeitschraube drehen, sondern den Lehrplan weiter anpassen und durch fächerübergreifende Curricula Wissen besser vernetzen. Im internationalen Vergleich sind zwölf Jahre bis zum Abitur der Normalfall – wir sollten nicht zur Ausnahme zurückkehren. 

Kaum ein anderes Bundesland hat in den vergangenen Jahren so sehr an seinem Schulsystem geschraubt: G8, Mittelschulen, Intensivierungsjahre, Gelenkklassen – ist das bayerische Schulsystem dadurch auch besser geworden?

Das ist so pauschal nicht zu beurteilen. Unser Problem ist, dass wir Lehrer, Schüler und Eltern  überfordern, weil manches dann ganz schnell gehen muss. Unser Bildungssystem  befindet sich im Umbruch. Es reagiert auf die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse. Nehmen wir zum Beispiel den Migrantenanteil:  Etwa ein Drittel der Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren hat einen Migrationshintergrund – das zwingt uns zu Veränderungen. 

Ist Bayerns Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem  bloß Sturheit oder gibt es gute Argumente dafür?

Es gibt keine empirischen Hinweise dafür, dass eine  Gesamtschule, in der die Schüler bis zu zehnten Klasse gemeinsamen unterrichtet werden, dem dreigliedrigen Schulsystem unterlegen wäre. Andererseits funktioniert auf dem Land das dreigliedrige System  noch ganz gut:  Da macht ein Schüler  mit dem Hauptschulabschluss Karriere als Handwerker, der Realschüler geht über in die Kaufmannslehre. Der Abiturient geht studieren. Das Problem in Bayern ist nicht so sehr: Gesamtschule gegen Dreigliedrigkeit, sondern die frühe Selektion nach der vierten Klasse.

Werden ideologische Grabenkämpfe auf dem Rücken der Schüler ausgetragen?

Wenn schon zu einem solch frühen Zeitpunkt über die Lebenskarrieren der Schüler entschieden wird, dann schon. Kinder etwa aus Arbeiterfamilien  haben sechsmal schlechtere Chancen,  das Abitur zu machen.  Das widerspricht der Idee, die Kompetenzen der Kinder in den Mittelpunkt zu rücken und sie danach zu fördern, was sie können und nicht danach, wo sie herkommen.

Die Politik verspricht seit langem, daran etwas zu ändern. Es passiert aber kaum etwas.

Ich bin optimistisch: Da muss und da wird Bildungspolitik  reagieren. Ein wirtschaftlich starkes Bundesland wie Bayern, das konkurrenzfähig sein will, kann es sich gar nicht mehr leisten, Talente nicht zu fördern. Wir haben mit 24 Prozent eindeutig zu wenige Abiturienten in Bayern. Wir kommen gar nicht länger umhin, den eigenen Nachwuchs besser nach Kompetenzen und nicht nach Herkunft zu fördern.

Bayern investiert etwa 20 Prozent des Haushalts in Bildung. Ist das zu wenig?

Das ist eine irritierende Kennzahl.  Wichtiger ist, wofür geben wir das Geld aus. Nehmen wir die  Ganztagsschule in Bayern als Beispiel. Hier hat der Freistaat eine Chance vertan. Er hätte das Geld in solche investieren können, die mit dem Wechsel von Unterrichts- und Freizeitangeboten am Vor- und Nachmittag wirklich etwas bringen. Stattdessen hat die Politik auf das Modell einer Vormittagsschule mit einem  Nachmittagshort gesetzt. Wir haben eine Chance vertan.

Was muss rasch passieren, um die Defizite abzustellen?

Rasch geht im Bildungssystem gar nichts. Wir müssen das  G8 zum Laufen bringen; vermeiden, das Schüler zu früh aussortiert werden und vernünftige Ganztagsschulen aufbauen. Von heute auf morgen geht das auf keinen Fall. Aber damit wohl überlegt anfangen ist immer eine gute Idee.